Warum läuft Herr L. Amok?

Geschrieben von Olaf Lux am Freitag, 9. November 2007 um 14:34 in Allgemein
Hmm, komisch...

...ich war grad in den Todesminen und habe bestimmt an die 50-60 Leute erschossen, eher mehr. Einige habe ich mit meinen Dolchen aufgeschlitzt oder ich habe meinen Bären Tokidoki auf sie gehetzt. Und auch meine Kameraden, die mich begleiteten, waren nicht weniger zimperlich. Da wurde erschlagen, zerstückelt, gemeuchelt und verflucht, bis Berge von Leichen zu unseren Füßen lagen. Und das alles, um einen hübschen neuen Helm zu bekommen...

Nein, was ich nun komisch finde: auch nach Monaten des intensiven Spielens von World of Warcraft habe ich überhaupt kein Verlangen, mir im wahren Leben eine Waffe zu besorgen und meine Mitmenschen oder Kollegen zu erschießen. Dabei spiele ich doch schon seit meinen Kindertagen Killerspiele. Schon als Kind, als es noch gar keine Personal Computer gab, haben meine Freunde und ich dieses brutale Killerspiel gespielt...wie hieß es doch gleich...ach ja - Cowboy und Indianer. Mein lieber Schwan, ich möchte nicht wissen, wie oft ich unseren Nachbarsjungen Frank Rosenow erschossen habe, naja, er hat mich ja auch tagelang am Marterpfahl gefoltert. Zum Glück ist Frank nach Sekunden respawnt, sonst hätte ich wohl Probleme mit dem Scheriff bekommen...

Dann gab es die ersten Spielekonsolen (unsere war von Palladium), und mein erstes richtiges Killerspiel hieß "Panzerschlacht". Wackerwackerwacker mit dem aus 6 Pixeln bestehenden Panzerchen rumeiern und dann Bummm den von meinem Bruder Bernd abknallen. Naja, meistens hat er gewonnen. Ich hätte ihn dafür umbringen können...moment, war das schon das erste Anzeichen eines latenten Agressionspotentials, dass sich irgendwann aufstaut, bis ich mich bar jeglicher Kontrolle im Schützenverein einschreibe, um an eine Waffe zu kommen, um mich schließlich an all denen zu rächen, die mich unterdrückten, ärgerten oder einfach nur einen höheren Highscore hatten...

Nicht falsch verstehen, der jüngste Fall in Finnland hat mich ehrlich sehr getroffen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mein Kind in die Schule bringe, und dann steht ein Schüler in der hintersten Reihe auf und bringt es um...darüber möchte man gar nicht nachdenken. Und sicher würde ich wissen wollen, warum jener Schüler ausgerastet ist. Nur, mit EINER Erklärung wäre ich sicherlich NICHT zufrieden: er habe Killerspiele gespielt. Ich warte bei dem jüngsten Fall eigentlich schon auf das Aufflammen der Diskussion zu diesem Thema. Witzigerweise wettern meistens Leute gegen die sogenannten Killerspiele, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass sie noch nie solch ein Spiel gespielt haben. Sie haben so eine vage Vorstellung davon, übernehmen Schlagworte und Beschreibungen aus den Medien und kauen das nach, was sie gehört haben. In jeder anderen Diskussion zum Thema Witschaft, Politik oder das morgige Wetter würde man ihnen den Vogel zeigen, und ihnen das Zitat von Dieter Nuhr nahelegen - "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!" Aber klar, an den Eltern, der Erziehung oder der Gesellschaft allgemein kann es ja nicht liegen.

Sicher, die PC-Spiele sind realistischer geworden seit PacMan. Aber wenn man es mal realistisch betrachtet ist Half Life doch nichts anderes - man irrt durch die Gänge, sammelt Gegenstände und muss versuchen, den Untoten zu entkommen. Oder man erledigt sie. Wobei PacMan da noch brutaler war, bei Half Life frisst man die Geister jedenfalls nicht auf, nachdem man sie erwischt hat...

Man argumentiert immer, dass angesichts der vielen Gewalt in Film, TV und PC-Spielen der Bezug zur Realität verloren geht. Man könne nicht mehr unterscheiden zwischen virtueller und realer Gewalt. Also, ich spiele selbst viel, aber um den Unterschied zwischen einer echten Schlägerei auf der Straße und Tekken nicht mehr auseinander zu halten, ich weiß nicht.... Ein bekannter Sprecher gegen die Verteufelung von PC-Spielen, der Pfarrer Thomas Hartmann, sagt selbst, dass Kinder auch mal Raufen müssen, dass Aggression auch am PC oder der Konsole abgebaut werden kann und sogar sollte.

Und dennoch will ich nicht bestreiten, dass eine Überflutung von Gewaltbildern jemanden abstumpfen lassen kann. Ich sag nur Videoabend. Alien 1-3, und ganz ehrlich, beim dritten Teil war das Alien nicht mehr halb so gruselig wie am Anfang. Aber auch das sind nur fiktive Bilder aus Hollywood. Was ist aber mit dem realen Schrecken, mit der echten Gewalt? Was ist mit Krieg? Was dort Menschen erleben und mit ansehen müssen, toppt doch jedes Killerspiel bei weitem. Tote Kameraden, zerfetzte Leichen, verstümmelte Kinder - und alles echt, kein Spiel. Sollte es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen erlebter Gewalt und einem Amoklauf geben, würde ich mir eher Gedanken über die 1000den Menschen machen, die die Greuel eines Krieges (üb-)erlebt haben, als über die Kids an ihren Spielekonsolen...

Ich frage mich nur, was die empörten Stimmen sagen werden, wenn sich beim nächsten Amoklauf herausstellt, dass der Täter im Bibelkreis war, keinen PC hatte, in der Freizeit gerne Briefmarken gesammelt und am liebsten Filme mit Hugh Grant gesehen hat...

Alles verbieten!

Euer Olaf



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Weblog: Björn Woltermann
Aufgenommen: Nov 11, 22:49

Kommentare
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Also ich finde das mit den Hugh Grant Filmen könnte schon eine Menge erklären.

Auf jedenfall habe ich immer, große Probleme mit der Realität und mein Agro Potenzial ist auch enorm.

Aber im ernst, durch das Ausleben von Agressionen ist glaube ich noch niemand zum Killer geworden. Durch das Enthemmen durch immer wieder vorgeführte, emotionslose und vor allem unkommentierte Gewalt denke ich sehr wohl. Ich zum Beispiel sehe mich gerne in der Rolle des furchtbar geheimen, leisen und dabei so ultracoolen Standalone-Einzelkämpfer-Rambo-Frauenversteher Typen (Splinter Cell 1-3; Hitman; DeusEx 1-2). Aber selbst mir ist klar das ich hier eine Rolle spiele und das es in der echten Welt nicht i.O. ist Menschen zu "eliminieren". Das solche Spiele bei einem pupertierenden Pickelträger zu geistigen Fehlstellungen führen können, würde ich ja eventuell auch noch glauben - aber ich würde mir auch immer noch die Frage stellen:"Wo waren die Erziehungsberechtigten" A) als er sich das Spiel gekauft hat B) als er es offensichtlich immer wieder gespielt hat!

Aber da schreit man heute lieber nach Verboten und Kontrollen. Wobei mit einem Minimum an Aufmerksamkeitund Interesse an den "lieben Kleinen", meiner Meinung nach, allen gedient wäre.

... jetzt muß ich erstmal ein paar Leute erschiessen gehen...
#1 leumy am 12.11.2007 15:23 (Antwort)

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